Sind hohe Löhne im Zeichen der Globalisierung ein Jobkiller? PDF Print
Written by Mathias Zander   
Sunday, 07 January 2007
Immer wieder schwirren Begriffe wie Kapitalflucht, Lohnstückkosten und globaler Wettbewerb durch unsere Medien. Sie erzeugen vor allem eins: Angst. Angst um den eigenen Arbeitsplatz und die Zukunft. Damit wird gerechtfertigt, dass die Sozialleistungen, Arbeitnehmerrechte und Löhne immer weiter abgebaut werden. Es soll sogar wieder länger gearbeitet werden, weil das angeblich die Arbeitsplätze sichern würde. Jürgen Thumann, Präsident des BDI, sagte beispielsweise in einem Interview des Deutschlandfunks: "Damit sind wir wieder bei dem Thema der allgemeinen Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland. Es ist ja nicht nur eine Maßnahme, wir dürfen uns bitte nicht darauf verständigen in unserem Gespräch, dass wir sagen: Es sind nur die Steuern, es ist nur der Kündigungsschutz, es ist nur das Arbeitsrecht. Wir müssen mal einfach festhalten: Wenn wir die Personalkosten insgesamt - ich greife jetzt wieder nur ein Beispiel heraus - einschließlich der Nebenkosten anschauen, dann haben wir in Deutschland die zweithöchsten Personalkosten der Welt - ob das nun pro Stunde ist oder in Lohnstückkosten gerechnet." So und ähnlich kann man es fast überall hören und lesen. Genau dieses Argument möchte ich hier einmal genauer untersuchen und versuchen zu widerlegen.

Zuerst sollten wir verstehen, wie das System des Devisenhandels im Groben funktioniert. Also wie kommen die Wechselkurse zwischen den einzelnen Währungen zustande. Im Idealfall der freien Wechselkurse wird der Umtauschkurs von zwei Währungen durch Angebot und Nachfrage geregelt. Zum Beispiel ein deutscher Tourist tauscht Geld bei einer Bank in seinem Urlaubsland Großbritannien. Das wird sicherlich ein Betrag sein, der den Wechselkurs völlig unbeeindruckt lässt. Wenn nun sehr viele Touristen das Pfund benötigen, kann die Bank auf dem Devisenmarkt den Euro verkaufen. Sie stellt ein Angebot der Fremdwährung und gleichzeitig eine Nachfrage nach der eigenen Währung dar. Sollte das Angebot des Euro zu groß werden, sinkt dessen Kurs bis sich Angebot und Nachfrage wieder ausgleichen. Das Geld kann natürlich völlig andere Wege gehen und die Spekulanten können den Kurs stark beeinflussen, doch letztendlich führt kein Weg an einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage vorbei. Die Konsequenz daraus verdeutlicht sich an einem Beispiel. Gehen wir mal davon aus, Deutschland betreibt Handel mit einem beliebigen Land mit niedrigen Lohnstückkosten und einem freien Wechselkurs zu unserer Währung. Sagen wir mal China. Jetzt nimmt die Produktivität in China deutlich zu und sie produzieren auch Hightech Waren. Wir werden also nicht mehr so viele Waren nach China exportieren können und umgekehrt mehr aus China importieren. So weit gehe ich mit der offiziellen Wirtschaftsphilosophie konform. Doch was passiert dann? Die Arbeiter in China wollen bezahlt werden, ebenso wie die chinesischen Investoren und zwar in der Landeswährung. Dies ist der entscheidende Punkt! China akzeptiert unsere Währung, weil dahinter ein bestimmter Wert steht. Wenn wir aber weniger exportieren als importieren, dann sammelt sich unsere Währung im Ausland. Am Devisenmarkt wird der Renminbi immer stärker nachgefragt und der Euro immer weniger, weil man für Renminbi die Waren billiger bekommt als für Euro. Der Euro wird also an Wert verlieren gegenüber dem Renminbi, damit werden die deutschen Produkte im Vergleich zu den Chinesischen billiger und wir exportieren wieder mehr nach China und importieren weniger. Die Wechselkurse sorgen also für einen Ausgleich. Wenn ein Land seine Produktivität steigert und Wahren dadurch billiger anbieten kann, wird seine Währung aufgewertet.

Das ist eine idealisierte Darstellung, die aber trotzdem als Vereinfachung absolut ihre Richtigkeit hat. Zu beachten ist z. B. die Inflation der beiden Länder. Durch die Inflation steigen die Preise, was eine Währung gegenüber einem Zahlungsmittel mit weniger Inflation an Wert verlieren lässt. Hier ein Auszug aus der Wikipedia (stand 18. 12. 2005) die einen Eindruck von der Komplexität der Thematik gibt: "Die chinesische Währung ist seit 1994 erst inoffiziell und später offiziell mit einer Bandbreite von 0,3 Prozent an den US-Dollar gekoppelt. Der Mittelkurs der Bindung beträgt seit dem 21. Juli 2005 8,11 Yuan je Dollar. Davor hatte der Mittelkurs 8,2770 Yuan pro Dollar betragen. Die chinesische Zentralbank sorgt durch gezielte Devisenmarktinterventionen für ein Einhalten des vorgegebenen Wechselkurses.
Mit der im Juli 2005 durchgeführten leichten Aufwertung um 2,1 Prozent reagierte die Zentralbank auf den Druck der Märkte. Für die Zukunft kündigte die Bank einen Übergang zu einem Währungskorb-System an. Nach ersten Verlautbarungen des Gouverneurs der Zentralbank Zhou Xiaochuan vom August 2005 soll der Währungskorb mehr als zehn Währungen enthalten, vor allem US-Dollar, Euro, japanischer Yen und südkoreanischer Won. Die Märkte gehen derzeit von einer weiteren Aufwertung des Renminbi aus; so liegt der Zwölf-Monats-Terminkurs bei deutlich unter acht Yuan je Dollar."


Interessant ist das Bild welches gemalt wird, vom Kapital, das Deutschland verlässt, weil bei uns so schlechte Standortbedingungen herrschen. Ich bleibe der Einfachheit halber mal bei der Vereinfachung Deutschland-China. Ein deutscher Investor will in China eine Fabrik errichten, dann muss er sein Kapital erst in Renminbi tauschen. Was zur Folge hat das der Euro einen entsprechenden Druck zur Abwertung erhält, was gut für unseren Export ist. Natürlich kann er die Fabrik von deutschen Firmen errichten lassen und die Maschinen in Deutschland kaufen. Dann würde das Kapital aber direkt wieder in die deutsche Wirtschaft fließen und nicht den Umweg über den Devisenmarkt nehmen. Auch wird vermutet, dass es bei uns bald keine Arbeitsplätze mehr gäbe, weil andere Staaten so billig produzieren, dass wir nur noch importieren und nichts mehr verkaufen könnten. Solchen Unsinn wollen uns einige Wirtschaftsvertreter, Wirtschaftswissenschaftler und Politiker weiß machen. Die Frage ist doch womit bezahlen wir die Importe? Wir könnten natürlich unbegrenzt Kredite bei unseren Handelspartnern aufnehmen oder ständig Geld drucken, aber ich befürchte das würden die anderen Länder nicht mitmachen. Allerdings gibt es ein Land, das tatsächlich auf diese Weise mehr importiert als es selbst exportiert, die USA. Da der US-Dollar seit Bretton-Woods die internationale Leitwährung ist, kaufen die Notenbanken weltweit Dollar um die eigene Währung abzusichern. Allein die Ankündigung der Notenbank Südkoreas einen Teil ihrer Dollarreserven zu verkaufen, ließ den Kurs der Leitwährung stark einbrechen. Kredite ermöglichen einem Land kurzfristig mehr Güter zu importieren als zu exportieren, aber das geliehene Geld muss natürlich irgendwann, inklusive Zinsen, zurückgezahlt werden, und zwar mit Exporten.

Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird bewusst schlecht geredet. Die Realität sieht aber anders aus, wir sind Exportweltmeister und wir haben in den letzten Jahren einen Exportüberschuss erwirtschaftet, weshalb andere bei uns Kredite aufnehmen. Die Probleme bei uns sind an anderer Stelle zu suchen und nicht bei unseren höheren sozialen und ökologischen Standards gegenüber vielen anderen Ländern. Wir gehören noch immer zu den Gewinnern der Globalisierung und machen manch armen Ländern das Leben schwer. Zum Beispiel exportieren wir nach Afrika doppelt subventioniertes Milchpulver, so das die einheimischen Milcherzeuger kaum überleben können. Die Verteilung des Geldes in unserem Land (Löhne, Gewinne, Steuern etc.) ändert grundsätzlich nichts an den Preisen für unsere Produkte auf dem Weltmarkt. Es ist einem ausländischem Käufer egal wie der Preis für eines unserer Produkte zustande kommt. Ob die Unternehmer viel oder wenig der verschiedenen Steuern zahlen mussten oder ob das Produkt vielleicht subventioniert wurde. Ebenso wenig werden ihn wahrscheinlich die Höhe der Löhne, der Gewinne, der Grad der Automatisierung oder die gesetzlichen Rahmenbedingen kümmern. Am Ende zählt der Preis im Vergleich mit gleichwertigen Produkten. Wenn diese zu hoch sind, wird die Währung an Wert verlieren, bis die Produkte wieder konkurrenzfähig sind. Es ist auch wichtig zu verstehen, dass ein Land im globalen Wettbewerb nicht in allen Bereichen konkurrenzfähig sein kann. Die internationale Arbeitsteilung bringt es beispielsweise mit sich das wir in der Textilproduktion im Vergleich zu anderen Ländern zu teuer sind. Das ist natürlich hart für diese Betriebe und deren Beschäftige, aber es gehört zur Globalisierung. Im Gegenzug können wir z. B. im gleichen Umfang mehr Maschinen exportieren, dass dies kein frommer Wunsch ist, zeigt unsere Außenhandelsbilanz.

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Ein Beispiel das zeigt was passiert, wenn man die Marktgesetze von Wechselkursen einfach außer Kraft setzt und eine Währung extrem aufwertet, sollte allen bekannt sein. Die DDR hatte eine Wirtschaft, die im Vergleich mit der BRD extrem unproduktiv war. Entsprechend war der Kurs der Ost Mark auch sehr niedrig. Aber durch diesen niedrigen Wechselkurs konnte die DDR durchaus Produkte auf dem Weltmarkt verkaufen, insbesondere gab es natürlich einen regen Handel mit Russland und den anderen osteuropäischen Ländern. Im Taumel der Wende wurde von den Regierungen die Währungsunion beschlossen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Die meisten ostdeutschen Betriebe waren auf einen Schlag nicht mehr konkurrenzfähig und der Handel mit Russland brach zusammen. Natürlich wird eingewendet, dass es am real existierenden Sozialismus lag das die Produktivität in der DDR so niedrig war. Dass ist sicher richtig, nur wurde den Betrieben gar nicht die Möglichkeit gegeben, sich an westdeutsches Niveau anzupassen. Die Folgen merken wir heute noch ganz deutlich, so dass ich darauf nicht näher eingehen muss.
Deshalb denke ich auch, dass der Euro vorschnell eingeführt wurde. Das Kapital kann sich innerhalb der Eurozone relativ frei bewegen, so das hier ein Wettbewerb um die beste Kapitalverwertung entstehen kann. Es ist wohl sehr unwahrscheinlich, dass der Euro wieder abgeschafft wird. Deshalb müssen einheitliche Standards im Sozialsystem, den Steuern, den ökologischen Richtlinien, etc. geschaffen werden für alle Länder der Eurozone. Die Gewerkschaften müssen europaweit zusammenarbeiten.

Wir sind also durchaus nicht hilflos dem weltweiten Lohndumping ausgeliefert. Wenn ein Land mit niedrigen Löhnen seine Produktivität steigern kann und damit im internationalen Wettbewerb besser da steht, weil es seine Produkte billiger anbieten kann, führt dies zu einer Aufwertung der Währung. Daraus folgt wiederum die Verteuerung der Produkte auf dem Weltmarkt. Dies gilt aber nur für eine Wirtschaft (Währungsraum) als Ganzes, einzelne Produkte oder Wirtschaftszweige können natürlich je nach Land unterschiedlich stark sein. So können wir nicht bei lohnkostenintensiven Produkten konkurrieren, gerade weil wir so viele Hochtechnologie-Produkte exportieren. Die hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Ungleichverteilung des Bruttosozialprodukts haben andere Ursachen, auf die ich hier aber nicht eingehen will.

Links zum Thema
Mythos Standortschwaeche Juni 2004 (verdi)
Wikipedia Zahlungsbilanz
Last Updated ( Monday, 12 February 2007 )